Ehrenamt

„Einem Sterbenden beistehen –
bedeutet ein Licht für ihn zu sein, damit er seinen Weg besser findet.“
D. Tausch-Flammer

Wir sind Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedenster Berufsgruppen. Wir arbeiten ehrenamtlich, weil uns dieser Dienst wichtig ist und wir es wollen. Wenn Sorgen, Ängste, Einsamkeit, Fragen und Schmerz Sie belasten, möchten wir für Sie da sein und Ihnen, wenn Sie es möchten, zur Seite stehen. Sie entscheiden, wie wir Sie begleiten und unterstützen können.

 

Wir kommen zu Ihnen nach Hause, besuchen Sie im Krankenhaus oder in einer Pflegeeinrichtung.
Als Ehrenamtliche der Ambulanten Hospizgruppe Ravensburg e.V. wurden wir alle zu Beginn unserer Tätigkeit umfassend geschult und bilden uns regelmäßig fort – durch Austausch, Supervision und durch die Teilnahme an Seminaren im Bereich Hospizbegleitung und Trauer.

Durch unsere Erfahrungen mit der Zeit am Lebensende möchten wir Sie ermutigen, Ihren eigenen Weg mit Angehörigen und Freunden zu gestalten. Respektieren und Wertschätzen, was war und was ist. Da sein, im Hier und Jetzt.
Wir sind für Sie da! Freiwillig, engagiert und kostenfrei. Verschwiegenheit ist für uns Verpflichtung.


Sie möchten gerne als ehrenamtliche Hospizbegleitung tätig werden?
Im April 2018 startet ein neuer Schulungskurs – bitte nehmen Sie mit dem Hospizbüro Kontakt auf.

 

Geschenkte Stunden

Geschenkte Stunden

Ehrenamtlich als Hospizbegleiterin tätig zu sein bedeutet jedes Mal für mich eine besondere und einzigartige Herausforderung.
Dies ohne Anspruch und Erwartungshaltung, schon aber in der der Hoffnung, dass es hilfreich und würdevoll geschieht.

Es ist morgens gegen 8 Uhr, eine Pflegerin begleitet mich zu einem 78-jährigen Herren. Er liegt im Sterben, ist aber noch ansprechbar und hat ein großes Redebedürfnis. Leider verstehe ich nur wenig von dem, was er sagen möchte, Er will immer mal wieder meine Hand halten. Als ich vorhatte kurz rauszugehen, hielt er sie ganz fest. Das war so klar und deutlich, dass ich einfach noch bei ihm sitzen bleib. Insgesamt dauerte die Begleitung für mich 18 Stunden, über drei Tage hinweg. Ich stand in engem Kontakt mit seinen Kindern, die bei ihrem Vater in der Nacht wachten. Sie empfanden große Dankbarkeit, weil sie ihrem Vater in dieser Nacht sehr nahe gekommen sind.  Kurz bevor er starb, sind sie noch rechtzeitig da gewesen und haben die letzten Atemzüge miterlebt. Auch mit den Kindern habe ich viel gesprochen und es war gut, dass sie in diesen schweren Stunden nicht alleine waren, so die Rückmeldung.
Einige Zeit stand ich noch mit ihnen in Verbindung und begleitete sie in ihrer Trauer.

Kürzlich las ich auf einem Grabstein:

„Das ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten. Und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe – das einzig Bleibende, der einzige Sinn.“

Wenn Angehörige sich bei mir bedanken, dann geht der Dank auch an sie zurück. Diese menschliche Nähe zu den Sterbenden und ihren Angehörigen sind für mich geschenkte Sunden und wertvolle Begegnungen die ich dankbar und ehrfürchtig annehme, da es für mich nicht selbstverständlich ist, so nahe dabei sein zu dürfen.
Irmgard

 

Da sein

Das letzte Wochenende der Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizbegleiterin liegt schon zwei Wochen zurück. Meine Gedanken wechseln von „Hoffentlich dauert`s noch eine Weile, bis ich die erste Begleitung übernehme“  bis „Jetzt könnte es aber endlich mal losgehen“. Als der Anruf der Koordinatorin kommt, bekomme ich erst mal Bauchweh (wie immer vor etwas gravierenden Neuem). Das hält an bis zu meinem ersten Besuch bei der alten Dame im Pflegeheim. Dieser erste Kontakt ist ein vorsichtiges Herantasten und Ausloten. Doch die Chemie stimmt, ich darf wiederkommen. Die alte Dame spricht sehr wenig und wenn, geht unser Gespräch über „Smalltalk“ nicht hinaus. Dafür denkt sie umso mehr nach und scheint manchmal ganz weit weg zu sein. So sitze ich manche Stunde an ihrem Bett. Wir schweigen, schauen uns an, dann sinnt wieder jede vor sich hin, zwischendurch fallen ein paar Worte, immer durch Radio Vorarlberg begleitet. Doch oft ist so eine Schwere im Raum, ihr langes Leiden, ihre Schmerzen, ihre Einsamkeit, ihr offensichtliches Genughaben von diesem Leben. Dazu ihr Schweigen darüber, wo ich doch meine, es würde helfen, darüber zu sprechen. Doch es ist ihr Sterben, sie bestimmt den Weg. Ja, ich hatte schon andere Vorstellungen von meiner ersten Begleitung. Hätte gerne etwas vorgelesen, gemeinsam klassischer Musik gelauscht und Gespräche über Gott und die Welt geführt – obwohl ich gelernt hatte, dass dies eher die Ausnahme ist.

Aber ich durfte mich im Schweigen üben, durfte erfahren, wie tröstlich es sein kann, einfach nur da zu sein. Musste erfahren, wie schwer Aushalten sein kann und die eigene Hilflosigkeit zu erfahren. Wie reagiere ich, wenn jemand nur noch den Wunsch hat, dass alles vorbei ist? Wenn jemand nicht mehr kann? Und immer wieder die Antwort: da sein. Meine anfänglichen Zweifel, ob es wirklich in Ordnung für sie ist, dass ich als Fremde bei ihr bin, lösen sich im Laufe der Besuche auf. Zwischen uns entsteht eine Nähe, ihr freundliches Lächeln bei Begrüßung und Abschied, ihr Dank und das Festhalten meiner Hand machen mich dankbar und glücklich. Ebenso dankbar war ich, als sie endlich sterben durfte, all die Schmerzen, das ganze Leiden und Hadern damit waren ausgelöscht. Sie lag friedlich da. Auch für mich war es ein eigenes Gefühl, sie zu betrachten, ein ganz und gar friedliches.

Mathilde

Zeit teilen

Ich klopfe an die Tür und trete ein, noch ehe ich ihn sehe, begrüße ich ihn, denn so weiß er, wer eingetreten ist. Meine Begleitung – ich nenne ihn Herr Müller – kann sich kaum bewegen. Er leidet seit über 20 Jahren an Parkinson. Während seine linke Seite ständig in Bewegung ist, kann er die rechte Seite kaum bewegen. Er sieht mich an und lächelt. Seinen Kopf kann er nicht drehen, aber seine Augen verfolgen aufmerksam meine Bewegungen. Das Erste, was wir tun, noch ehe ich mich zu ihm hinsetzte, ist, dafür zu sorgen, dass er bequem liegt und mich sehen kann, während ich bei ihm bin. Heute habe ich ihm eine Kerze mitgebracht, die ich in der Zeit während ich bei ihm bin, brennen lasse. Wir reden über den Tag, die Nacht, das Wetter über ihn und auch über mich, aber manchmal ist reden nicht nötig und wir schweigen.

Seit mehreren Wochen nun besuche ich ihn ca. zweimal die Woche. Er ist alleine in dem Pflegeheim, seine Familie wohnt am anderen Ende von Deutschland und ist, sooft es irgendwie möglich ist, hier. Hospiz, mehr als ein Wort, mehr als eine Tat. Die Motivation dazu lag bei mir hauptsächlich in dem Gedanken zu wissen, dass ich meine Zeit zwar nicht verschenken, aber dennoch teilen kann. Sinnvoll teilen und den Gegenüber in der schweren Zeit, die ihm noch bleibt, nicht alleine zu lassen. Im Angesicht des Todes erscheint so vieles nichtig. Ich habe neulich einen Absatz in einem Buch gelesen, der mir besonders gut gefallen hat.

Hier einen Auszug daraus:

Daher bin ich nach Jahren der Begleitung
von „Sterbenden“ – der Begriff ist falsch,
denn bis zum Ende sind sie „Lebende“ – selbst
so lebendig wie noch nie. Und das verdanke
ich ihnen. Früher glaubte ich, dass ich sie
begleite. Mittlerweile weiß ich, dass sie in
der Demut ihres Leidens meine Meister sind.
(Marie de Hennezel – Den Tod erleben)

Perihan

Zeit schenken

Mein Berufsleben war zu Ende, was nun? Die Zeit mit Lückenfüllern totschlagen, das ist nicht meine Art. Ich suchte nach etwas Sinnvollem. Nach etwas, was mein Leben bereichert und der Allgemeinheit dienlich ist. Und so ging ich sämtliche ehrenamtliche Tätigkeiten in Gedanken durch. Wog das Für und Wider gegeneinander ab und schon bald kam ich auf die letzte Phase des Lebens. Während meines Berufslebens (stellv. Leiterin eines Pflegeheims) musste ich immer wieder miterleben, dass ältere Menschen in Einsamkeit ohne Begleitung oder ohne Anwesenheit der Angehörigen sterben mussten. Dieser Gedanke, vielleicht selbst einmal so alleine diese Welt verlassen zu müssen, hat mich sehr traurig gestimmt. Mein Entschluss war geboren: „Hospizgruppe“!

Die Ausbildung wurde für mich zu einer neuen Herausforderung im positiven Sinn und gleichzeitig ein Ankommen in einer sehr schönen harmonischen Gruppe. Unter Gleichgesinnten über sensible Themen zu diskutieren, aber auch sehr wertvolle Erfahrungen zu machen. Keine Bewertung von Äußerungen und Handlungen, nur so zu sein, wie man tatsächlich ist und wie man sich auch fühlt, mal gut, mal weniger stimmig. Ich glaube, ich bin toleranter und gelassener geworden. Die Sichtweise, dass jeder Mensch in seiner Person einzigartig ist, wurde durch die Ausbildung wieder stärker ins Bewusstsein gerückt. Auch der Glaube, dass der Tod ist nicht das Ende, sondern ein Übergang in eine andere Welt oder auf die andere Seite des Lebens ist, ist beruhigend.

Durch die Ausbildung sind sehr nette und wertvolle Bekanntschaften entstanden und geschlossen worden, welche ich nicht mehr missen möchte. Die verschiedenen menschlichen Schicksale haben uns, davon bin ich überzeugt, stark zusammengefügt. Auch die Erkenntnis, dass Sterbende bis zu ihrem Lebensende zu Hause gepflegt und dadurch im familiären Umfeld verbleiben können, ist für mich sehr beruhigend und es gibt mir ein angenehmes Gefühl. Die sterile, kalte Atmosphäre eines Krankenhauses muss nicht sein. Ich würde mir wünschen, dass durch unsere Arbeit das öffentliche Bewusstsein korrigiert wird, damit Sterben wieder menschlicher wird. Damit auch die Tatsache wieder in der Vordergrund rückt, dass das Sterben einfach zum Leben dazugehört, dass der Tod nicht etwas Schreckliches ist, sondern ein ganz natürlicher Vorgang. Meine erste Begleitung läuft noch. Das erste Mal war noch viel Unsicherheit dabei, aber ich merke, dass ich immer sicherer werde, mir immer mehr zutraue und dadurch auch schöne Erlebnisse habe. Dazu gehört auch das Gefühl, für den sterbenden Menschen da sein, ihm meine Zeit schenken zu können, sodass er spürt, dass er nicht alleine ist. All das macht mich glücklich und zufrieden. Bei der Begleitung empfinde ich eine innere Ruhe, die ich sonst nur durch eine Meditation erreichen würde. Die Sterbebegleitung gibt mir mehr, als sie mir abverlangt. Ich freue mich auf jeden Tag, jede Stunde, die ich mit dem Sterbenden verbringen darf und kann.

Katharina

Würde

Meine Motivation für die Hospizarbeit hat mehrere Wurzeln, aus denen sie sich speist. Zum einen meine persönliche Erfahrung mit dem Tod. In der Familie und im Freundeskreis.

Hier habe ich sowohl das Sterben meines Vaters zu Hause in der Familie als ruhige und tröstliche Erfahrung erlebt, andererseits aber auch die Einsamkeit beim Tod meines Großvaters im Krankenhaus. Oder den Suizid oder Suizidversuch bei nahen Verwandten oder Freunden als Weg der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit. In diesen und vielen anderen Situationen habe ich erlebt und erfahren, dass der Tod letztlich zu unserem Leben gehört, dass er Teil davon ist. So wie zum Menschsein das Geborenwerden gehört, so steht am Ende der Prozess des Sterbens. Und dieses Ende sollte mit Würde versehen sein. Sie ist für mich das Maß in allen Bereichen des menschlichen Daseins. Würde am Ende unseres Lebens entsteht dort, wo Zeit und Raum ist, sich den persönlichen Wünschen und Anforderungen des kranken und sterbenden Menschen anzunehmen. Wo das DU im Mittelpunkt stehen darf und wo aus dem Blickwinkel des Betroffenen gehandelt wird.

Valeska

 

 

Stille und Wohlgefühl

Ich habe den Zeitungsartikel gelesen „Ehrenamtliche für die Hospizgruppe Ravensburg gesucht”. Dieser Artikel in der Tageszeitung hat mich sofort fasziniert und angesprochen. Ein Vorstellungsgespräch folgte und ein persönlicher Brief, und ich durfte mit mit dem  Ausbildungskurs „Ehrenamtliche Sterbebegleitung“ beginnen.

Während des Kurses kam durch die Inhalte, mit denen wir uns auseinandersetzten, die Frage in mir auf: Ist das  wirklich etwas für mich? Durch meine Arbeit hatte ich schon viel mit dem Tod zu tun, aber jetzt stand ich als Privatperson vor der Aufgabe, einen Sterbenden zu begleiten. Keine Professionalität, an der ich mich festhalten konnte, nur das „nackte Ich”, ein mulmiges Gefühl. Die Themen in der Ausbildung und die Ausbildungsgruppe vermittelten mir mehr Sicherheit, aber wie es dann in der Realität aussehen würde, war ungewiss. So ging ich in meine erste Begleitung.

Im Nachhinein war es ein unvergessliches Erlebnis. Ich wurde lächelnd von der älteren Dame in ihrem Pflegebett empfangen, sprechen konnte sie kaum noch und es war ihr Geburtstag. Ein großer Kloß verließ meinen Hals und ich wusste, alles wird gut. Zwei Tage später besuchte ich sie wieder. Sie hatte die Augen geschlossen, war aber hellwach, als ich sie ansprach. Ich saß zwei Stunden an ihrem Bett, es war eine friedvolle Atmosphäre die keiner Worte bedurfte, eine innere Verbindung. Kein Tunmüssen, kein Warten auf das, was kommen würde, sondern nur Stille und Wohlgefühl.

Es war mein letzter Besuch.

Barbara